Izumo, das vergessene ursprüngliche Japan

Izumo, das vergessene ursprüngliche Japan (Izumo)

Von alters her glauben die Menschen in Japan, dass jeder Ort unter dem Schutz der Götter steht, von den Bergen und Wäldern über die Seen, die Flüsse und das Meer. Nach dem alten japanischen Kalender versammeln sich einmal im Jahr alle diese Götter an einem speziellen Ort, dem Großschrein von Izumo. Dies geschah von jeher im zehnten Monat des alten Kalenders (nach der modernen Zeitrechnung meist im November), der im ganzen Land der “Monat ohne Götter heißt”, mit Ausnahme der Gegend um Izumo in der Präfektur Shimane, wo er folgerichtig der “Monat der Götter” genannt wird. Dies bedeutet, dass für die Japaner Izumo das Land der Götter ist.  


  Entsprechend bringen die Einheimischen diesem Land, das sich die Götter als Ziel gewählt haben, sehr viel Respekt entgegen. Vielleicht herrscht deshalb hier ein ganz besonderes ästhetisches Bewusstsein, das bei der Bebauung des Landes entscheidend war und über die reine Zweckmäßigkeit weit hinaus geht, indem es einem lebenswerten Alltag Vorrang einräumt. Dies hatte die Bewahrung einer wunderschönen Lebenswelt zur Folge, in der Natur und menschliches Tun miteinander im Einklang stehen. Izumo ist der einzige Ort in ganz Japan, wo sich kulturelle Ästhetik nicht nur an einigen touristischen Orten manifestiert, sondern an den meisten Bauten und Einrichtungen, wie Straßen, Brücken und Wohnhäuser.   


Ich selber arbeite in Tokio im Werbe- und Grafikdesign und erschaffe täglich neue Produkte. Tokio, mit seinem enormen Aufkommen weltweit gehandelter Produkte und Informationen im Sinne wirtschaftlicher Rationalität, ist ein Beispiel dafür, wie Japan sein kann. Die Gegend von Izumo ist hingegen das absolute Gegenteil von meiner Lebenswelt. Dort hat sich seit dem Zeitalter der Götter in jedem Aspekt des Lebensumfelds eine traditionelle Kultur erhalten, die sich von neuesten Moden und Technologien nicht beeinflussen lässt. Daher ist Izumo für viele Japaner wie mich ein Ort, an dem man das Gefühl hat, als würden längst vergessene Erinnerungen wieder wach.     


  In diesem Artikel möchte ich Sie zu einer eintägigen Besichtigungsfahrt einladen, auf der Sie eingehende Bekanntschaft mit den Wundern der Gegend um Izumo machen können, selbst wenn Sie nicht viel über japanische Kultur oder Mythologie wissen.  


Fahrt durch ein Land, das die Götter lieben

Sie starten am Bahnhof von Matsue. Es ist ein schöner Bahnhof, aber weiter nichts Besonderes. Von hier zur Burg Matsue sind es nur 10 Minuten Fahrt. Sie werden in dieser Stadt keine Orte der Verwahrlosung finden, wie etwa vermüllte Hinterhöfe oder heruntergekommene Häuserzeilen. Dies mag an der festen Überzeugung der Menschen hier liegen, dass ihnen das Land von den Göttern nur geliehen wurde. Im Mittelalter war dies eine durch den Silber- und Eisenerzabbau privilegierte Gegend, und in der Edo-Zeit, als Japan sich vom Rest der Welt abgeschottet hatte, betrieb man hier weiterhin Handel mit China, sodass man einigen finanziellen Spielraum hatte. Aufgrund dessen zeigten sich die Lehnsherren des Matsue-Herrschaftsbereichs nachsichtig gegenüber ihren Untertanen und waren bei diesen sogar beliebt. So kam es, dass nach dem Ende der  Samurai-Herrschaft die Burg nicht zerstört wurde und sich das Stadtbild um die Burg in großen Teilen noch immer so präsentiert wie zu Zeiten, als die Samurai dort lebten.



In einem Teil dieses Viertels gibt es ein Museum, das Lafcadio Hearn (auch unter seinem japanischen Namen Koizumi Yakumo bekannt) gewidmet ist, einem Schriftsteller irisch-griechischer Abstammung, der japanische Volkssagen ins Englische übersetzte und so auch außerhalb Japans bekannt machte. Neben dem Museum steht das alte Samurai-Haus, in dem Hearn während seines Aufenthalts in Matsue lebte. Eines der Dinge, die ihm in Matsue sofort auffielen, war, dass er als Ausländer, noch dazu auf einem Auge blind, hier so gut wie keine Diskriminierung erfuhr. Ich denke mir, dass auch dies Ausdruck der Besonderheit von Izumo und darin begründet ist, dass sich die Menschen selbst heute noch im Blickfeld der Götter wähnen.  Hearn wollte mit seinen englischen Übersetzungen der Legenden, die aus mythologischen Zeiten von Generation zu Generation weitergegeben wurden, dieses östliche Konzept von Diversität auch westlichen Kulturen vermitteln. Aber vielleicht interpretiere ich auch zu viel in diese Geschichte hinein.



Fahren Sie um den Burggraben herum, der die imposante Burgmauer umgibt. Der Burgturm, der sich über die Mauern erhebt, verschwindet je nach Perspektive aus dem Blick. Die Burg aus der Edo-Zeit ist eine von nur 12 Burganlagen in Japan, die noch in ihrem ursprünglichen Zustand erhalten sind. Ich hoffe sehr, Sie nehmen sich die Zeit für eine Besichtigung. Im Innern fällt die Schlichtheit der Konstruktion auf, die einer kriegsbedingten Rationalisierungsmaßnahme geschuldet war. Die Burg war niemals ein Opfer kriegerischer Zerstörung und offenbart eine makellose Schönheit in ihrer Bauweise, bei der auf alles Überflüssige zugunsten des Verteidigungskonzepts verzichtet wurde.  



Die Wasseranlagen um die Burg herum sind eine Kombination aus den Techniken jener Zeit und werden von den natürlichen Flussläufen der Umgebung gespeist, weshalb sie einen fast konstanten Wasserstand aufweisen. Umgeben ist die Burg von einer Vegetation, die sich effektvoll im Wasser spiegelt und ihre Farbstellungen je nach Jahreszeit ändert. Sehr lohnend ist auch eine geruhsame Besichtigungstour im Ausflugsboot um die Burg herum. Dabei muss hin und wieder das Bootsdach abgesenkt werden, um unter den Brücken hindurchfahren zu können, und die Passagiere müssen sich jedesmal tief hinabbeugen – ein sehr besonderes Erlebnis!  



Folgt man dem Burggraben aus dem wunderschönen Bereich der Burgstadt hinaus, gelangt man schon bald zum Shinji-See. Dieser See ist ein natürlicher Stausee mit einem beachtlichen Fassungsvermögen, sodass für Matsue keine Hochwassergefahr besteht. Dank dieses Umstands sieht man kaum Betoneinfassungen oder ähnliche seelenlose Uferkonstruktionen. Die Gegend von Izumo wird auch nur selten von Taifunen oder Erdbeben heimgesucht, und auch Kriegsschäden gab es hier kaum; mir scheint daher, als stünde sie tatsächlich unter dem Schutz der Götter. Die kleinen Ortschaften, die auf der Fahrt vorbeiziehen, haben sich das wohltuende Landschaftsbild eines alten Japan bewahrt. Die wunderschönen Reisfelder und die Züge mit Doppeltriebwagen, die neben der Straße verkehren, vermitteln einem das Gefühl, als würde die Zeit hier viel langsamer verstreichen. Wer weiß, vielleicht reisen die Götter, die aus dem Osten kommen, ja auf dieser Straße.


Der nächste Halt ist das Izumo Quilt Museum, das in einem 200 Jahre alten Haus in traditioneller Izumo-Bauweise untergebracht ist. Hier sind   neben verschiedenem Kunsthandwerk vorwiegend die Werke der Quiltkünstlerin Mutsuko Yawatagaki ausgestellt. Die Ästhetik der handwerklichen Objekte, die im Alltag der Menschen Anwendung finden, und die Ästhetik der Kunst als gestalteter Ausdrucksform, existieren in dieser Gegend in ein und demselben Raum wie die traditionellen Lebensstile. In diesem Museum begreift man, dass die imaginäre Welt und die Lebensweise der Menschen miteinander im Einklang stehen und man die beiden nicht voneinander trennen sollte. 


Nach einer weiteren entspannten Fahrt von etwa 30 Minuten erreichen Sie den Eingangsbereich vor dem Haupttor zum Großschrein von Izumo. Wie ich schon erwähnt habe, ist dieser Schrein der Ort, an dem sich die Götter aus ganz Japan einfinden, und einer der wichtigsten Schreine des Landes. Noch der letzte Winkel der weitläufigen Anlage wird mit viel Liebe gepflegt, und man ist ergriffen von der suggestiven Atmosphäre dieses Ortes, der seit Tausenden von Jahren im Besitz der Götter ist. Wenn Sie den Weg zur Haupthalle entlanggehen, spüren Sie vielleicht sogar dieselbe Ehrfurcht vor den Göttern wie die Japaner. Selbst Menschen, die keinen großen Unterschied zwischen einem Schrein und einem Tempel erkennen können, sind beeindruckt von dem gewaltigen shimenawa-Seil, das von der benachbarten Kagura-Halle herabhängt. In Japan markieren diese Seile die Grenze zwischen der Welt der Menschen und jener der Götter. Oft sieht man sie an Schreintoren hängen, oder um alte Bäume auf Schreinanlagen gewunden, wo sie anzeigen sollen, dass innerhalb des abgegrenzten Bereiches die Götter wohnen. Ein shimenawa von der Größe des Seiles an der Kagura-Halle des Großen Schreins von Izumo kann aber auch einfach nur ein Hinweis sein, dass es sich um den Eingang zum Konferenzbereich der Götter bei ihrer Zusammenkunft handelt.  



Von hier begeben wir uns auf eine Straße abseits der üblichen Besichtigungsroute. Es ist eine schmale Straße, die mitten durch das Grundstück des Großen Schreins von Izumo verläuft. Vielleicht kommt es  Ihnen vor, als sei sie ein Teil des Parkplatzes, oder als wolle sie gar nicht, dass jemand sie entdeckt. Diese Straße führt Sie jedoch direkt in den Wald hinter dem Schrein – ein Wald, der auf dem Berg hinter einem der bedeutendsten Schreine Japans steht und somit seit zweitausend Jahren von Menschenhand unberührt ist. Hier sollten Sie hin und wieder anhalten und die Pflanzenwelt betrachten, die sich mit den Höhenunterschieden stetig ändert.



Nach etwa 20 Minuten Wegs kommt ein Dorf namens Sagiura in Sicht. Die meisten seiner Bewohner sind Fischer, und man hat den Eindruck, dass die Zeit hier vor hundert Jahren stehengeblieben ist, bei einer geruhsamen Lebensweise, wie man sie in Japan kannte, bevor das Land vom Tempo des weltweiten wirtschaftlichen Wettbewerbs mitgerissen wurde. Alle Steine rechts und links des Flusses sind rund und erzählen uns auf diese Weise von ihrer nicht endenden Reise zum Meer, auf der sie ihre jetzige angenommen haben. Stellen Sie sich ans Ufer und blicken Sie ein paar Minuten auf die Bucht hinaus – Sie werden das Gefühl haben, als hätte jemand ihre innere Uhr neu gestellt. 



In weiteren 20 Minuten gelangt man von diesem kleinen Fischerdorf zum Inasa-no-Hama Beach, einem traumhaften Sandstrand, der sanft ins Meer ausläuft. Es soll die Stelle sein, an der die Götter von Izumo nach ihrer Fahrt übers Meer an Land gingen, und sie gilt als ein sehr heiliger Ort. Auf dem Strand liegt ein gewaltiger Felsblock namens Benten Island, und bei Ebbe kann man ihn zu Fuß erreichen. Vielleicht konnte man einst von hier die Koreanische Halbinsel fern am Meereshorizont sehen. Bis vor nicht allzu langer Zeit gelangten kulturelle und technische Neuerungen über eben dieses Meer nach Japan. Die spezifische Art der Japaner, solche Neuerungen anzunehmen und dabei so umzugestalten, dass sie ihnen besser gerecht werden, gab es hier vielleicht schon, als die Götter nach Izumo kamen. Der geographische Umstand, dass diese Gegend dem asiatischen Kontinent am nächsten liegt, spielte möglicherweise eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Vielfältigkeit in dieser Region, die eine große Bandbreite verschiedener Götter zulässt. Als neue Mythen, Vorstellungen und andere Dinge hierher kamen, ersannen die Menschen Wege, wie sie diese übernehmen könnten, ohne ihre eigene Kultur dabei zu zerstören, sondern den Respekt vor dem bereits Bestehenden zu bewahren. Vielleicht ist es genau dies, woraus die japanische Ideologie des Respekts vor allen Orten und Dingen erwuchs, weil die Götter nun einmal überall und in allem sind.



Nun sind wir fast am Ende unseres Tagesausflugs angekommen. Von hier können Sie auf die Autobahn und zurück nach Matsue fahren. Wenn Sie ein Faible für Thermalquellen haben, sollten Sie aber vorher in den Tamatsukuri Hot Springs Halt machen, um den Tag vollendet ausklingen zu lassen. Es gibt eine ganze Reihe von Etablissements, wo Sie ohne Übernachtung ein Bad nehmen können, und sollten Sie kein Handtuch dabei haben, können Sie dort eines kaufen.



Wenn Sie nach Matsue zurückkehren, wird die Nacht schon hereingebrochen sein, und Sie können sich verzaubern lassen von der stimmungsvollen nächtlichen Atmosphäre dieser Stadt inmitten ihrer Wasserläufe. Die Nächte hier sind voller Trost und Wärme. Vielleicht liegt es an den vielen Lichtern, die sich im Wasser spiegeln, vielleicht aber auch daran, dass alle Götter, die hier zusammenkamen, noch immer die Stadt durchstreifen? Die Antwort überlasse ich Ihnen.





"Ein geführter Ausflug nach Izumo und Matsue”
https://sanin-japan.com/en/travel-memories/guests-become-family

Für mehr Informationen über den Ort dieses Artikels klicken Sie bitte auf den folgenden Link.
https://ancient-japan-izumo.com/

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