Lebensstil-Erbe als Tourismusfaktor

Lebensstil-Erbe als Tourismusfaktor(In der Region Iwami Ginzan die Wunder des Alltags erleben)

Hallo, mein Name ist Shun, und ich bin für heute Ihr Tomodachi-Reiseführer, bei uns “Tomodachi Guide” genannt!  


Ich bin letztes Jahr aus den USA hierher nach Omori gezogen, und ich möchte Ihnen einige meiner Lieblingsplätze in diesem Dorf zeigen. 


Omori gehört zur Stadt Oda, in der Präfektur Shimane in Westjapan. Der Ort liegt in der Region der Iwami-Ginzan-Silbermine (Iwami Ginzan Silver Mine), die 2007 den Status einer UNESCO-Welterbestätte erhielt. Zur Blütezeit des hiesigen Bergbaus förderte Japan rund ein Drittel der weltweiten Silbermenge, und Omori war damals eine Stadt mit ca. 200.000 Einwohnern. 


Heute leben in Omori etwa 400 Menschen, wobei in letzter Zeit vor allem die Zahl junger Neubürger, die bewusst in diesen kleinen ländlichen Ort gezogen sind, signifikant angestiegen ist – eine Entwicklung, die auf allgemeines Interesse stößt. 

Hier lebe ich also derzeit, eingebunden in die Geschichte, die natürliche Umwelt und das Gemeinwesen von Omori. 


Das Besondere am Leben in Omori ist der Umstand, dass man in diesem Dorf dem, was die Japaner “kurashi” – Lebensstil – nennen, sehr große Bedeutung beimisst. Anstatt einfach nur den touristischen Aspekt einer Welterbestätte auszunutzen, konzentriert man sich in Omori auf die Bewahrung der traditionellen Lebensweise des Ortes. Und ich habe festgestellt, dass die Lebensweise hier in Omori so wundervoll ist, dass man sie bereitwillig annimmt, weil man erkennt, dass wir allzu oft vergessen, wie wichtig das “Alltägliche” für unser Leben ist.  Die Orte, an die ich Sie heute führen möchte, stehen sowohl für das Lebensstil-Erbe, das bewahrt wurde, als auch für das Lebensstil-Erbe, das hier in Omori entsteht!

Der Berg Sen


Hier sehen Sie den Sen, den Berg, in dem das Silber abgebaut wurde und der stets den Hintergrund von Omori bilden wird. Besucher von Omori richten ihre Aufmerksamkeit meist nur auf das Dorf an sich, aber ich finde, die natürliche Umgebung des Ortes hat die gleiche Aufmerksamkeit verdient. Hier leben wir alle in enger Verbundenheit mit dem Berg, insbesondere, was die wohlschmeckenden Reichtümer der Natur angeht, die er uns je nach Jahreszeit schenkt!





Im Frühling mache ich mich auf die Suche nach den jungen Knospen verschiedener Bäume und Pflanzen, die man hier sansai nennt. Tempura aus sansai, mit ihrem charakteristischen herb-erdigen Geschmack, ist eine spezielle Delikatesse dieser Jahreszeit. Im Sommer fangen wir Krabben und Aale, der Herbst ist die Zeit der Kastanien und Walnüsse, und im Winter erlegen wir hin und wieder ein Wildschwein!


Omori ist eingebettet in ein reichhaltiges lebendiges Ökosystem, das Teil unserer Lebensweise hier ist.  Auch wenn der Sen normalerweise nicht als “Sehenswürdigkeit” zum herkömmlichen Besichtigungsprogramm gehört, kann er mit ein wenig Wissen vom hiesigen Lebensstil zu einem faszinierenden Teil des Ortes werden, mit vielen Gelegenheiten, Neues zu lernen und zu erleben. Die Berge warten je nach Jahreszeit immer mit irgendetwas Besonderem auf, fragen Sie also ruhig, was es am Sen Neues gibt!

Suzuki Farms


Wie ich bereits erwähnt habe, wird Lebensstil-Erbe hier nicht nur bewahrt, sondern auch geschaffen, und die Suzuki Farms sind ein sehr anschauliches Beispiel hierfür. Suzuki-san zog vor etwa sieben Jahren nach Omori und hat inzwischen seinen eigenen Landwirtschaftsbetrieb aufgebaut, in dem er eine unglaubliche Vielfalt an Bio-Gemüse kultiviert. Seine Vision ist die Schaffung eines nachhaltigen Landwirtschaftsmodells in Omori, mit minimaler Belastung des von ihm genutzten Landes und unter Einsatz von vor Ort produzierten Ressourcen wie Bambus, Kuhdung und Reishülsen.


Was ich an der Farm von Suzuki-san so sehr schätze, ist, dass er frisches Gemüse für die Dorfbewohner liefert, brachliegendes Land nutzt und ein neues Stück Dorflandschaft erschafft, mit dem wir alle interagieren können. Es ist ein beglückendes Gefühl, biologisch angebautes Gemüse aus der direkten Umgebung essen zu können, und teilweise habe ich sogar mitgeholfen! Die Produkte schmecken gleich nochmal so gut, wenn man weiß, wer sie angebaut hat und wie. Nicht zu vergessen, dass Suzuki-san verwilderte bzw. aufgegebene Reisfelder für den Anbau nutzt, sodass das Land weiterkultiviert und die Biodiversität des Bodens neu belebt wird. Irgendetwas wächst immer gerade auf der Suzuki Farm, und mit etwas Glück gibt es auch eine Kostprobe! 



Bäckerei-Konditorei Hidaka


Ein frühmorgendlicher Spaziergang durch Omori ist schon aufgrund des verführerischen Dufts nach frisch gebackenem Brot etwas Einzigartiges. Wir verdanken ihn Hidaka-san und seiner Frau von der Bäckerei Hidaka Breads, wo die beiden frisches Brot und Gebäck aus lokalen und saisonalen Zutaten herstellen, wofür sie die besten Voraussetzungen mitbringen, denn beide haben die deutsche Bäckermeisterprüfung absolviert. 


Aber noch bemerkenswerter ist, dass Hidaka-san für seine Backwaren selber Zitrusfrüchte von den Bäumen rings ums Dorf und Kastanien vom Sen erntet und die Erzeugnisse der örtlichen Bauern verwendet. 


Seit Kurzem produzieren Hidaka-san und Suzuki Farms ein Kirschtomatenbrot als Gemeinschaftsprodukt. Es hat die Form eines Croissants und verbirgt in seinem kräftig strukturierten Teig ein fruchtiges Innenleben aus süßen Kirschtomaten, die beim Hineinbeißen ein Geschmacksfeuerwerk entfalten. Hidaka-san stammt wie Suzuki-san und ich nicht gebürtig aus Omori, aber vielleicht gerade deswegen betrachtet er alles, was er sieht, aus einer nach allen Seiten offenen Perspektive. Auf diese Weise fließt die Inspiration, die er aus dem Lebensstil-Erbe seines Dorfes bezieht, in seine Backwaren und macht diese ebenso schmackhaft wie bedeutungsvoll! Gehen Sie aber möglichst früh Ihr Brot kaufen, denn die Bäckerei ist bei Touristen wie Einheimischen gleichermaßen beliebt.


Kumagai Residence


Wenn Sie wissen möchten, wie das Leben in Omori früher aussah, sollten Sie der Kumagai Residence einen Besuch abstatten. Sie war das Wohnhaus einer bekannten Kaufmannsfamilie. Das Innere wurde komplett renoviert und ist nun Ausstellungsraum für die verschiedenen Gewerbe, die die Familie betrieb, vom Silbermanagement bis zur Sake-Herstellung! Dank einer ausschließlich von Frauen getragenen Organisation namens Ie no Onnatachi ist das Haus heute für den Publikumsverkehr geöffnet.


Die Familiengeschichte ist hochinteressant, aber ich möchte hier lieber das Engagement hervorheben, das die Frauen der NPO an den Tag legen, damit das Haus für die Öffentlichkeit zugänglich bleibt. So haben sie etwa von Hand diese aufwändigen Repliken der Mahlzeiten genäht, die die Familie während der verschiedenen geschichtlichen Epochen zu sich nahm. 


 Ganz zu schweigen von den Workshops über die Herstellung von Dingen wie Miso, Strohsandalen und Bürsten, die sie das ganze Jahr hindurch für die Dorfbewohner anbieten. An manchen Tagen bringen Sie den Grundschulkindern des Ortes sogar das Reiskochen in traditionellen japanischen Holzöfen bei. Ich finde, dass die Kumagai Residence der ideale Ort ist,  um nicht nur die Geschichte des Dorfes zu würdigen, sondern auch die Arbeit, die die Frauen leisten, damit die Dorfgemeinschaft diese Aspekte aus dem Alltag ihrer Vorfahren aus erster Hand nachvollziehen kann.

Iwami Kagura


Zu den einzigartigen Phänomenen, auf die ich hier in Omori und allgemein in der Region Iwami gestoßen bin, gehört Iwami Kagura.  Ich wusste von Kabuki, aber von Kagura hatte ich noch nie etwas gehört, bevor ich nach Omori zog. Kagura ist eine theatralische Tanzaufführung, bei der jeder Tanz in Bezug zu einer Erzählung aus dem Shintoismus oder der örtlichen Folklore steht. So wie ich es erlebt habe, scheint Kagura ein Teil der DNA der Menschen in der Region Iwami zu sein. Zum Beispiel ist es hier ganz normal, dass sich kleine Kinder Kagura-Videos im Internet ansehen!


Einige der Kinder in Omori besuchen auch Kagura-Kurse, so wie anderswo Kinder zum Fußball gehen! Und die Menschen von Omori, ich eingeschlossen, lieben es, den Kids bei der Darbietung dieser Tänze auf Dorffesten zuzusehen. Teilweise beherrschen sie die Kunst, Emotionen und Handlungen über den Tanz auszudrücken, sogar besser als die Erwachsenen! 


Wenn Sie während Ihres Aufenthalts in Omori eine Kagura-Vorstellung besuchen möchten, empfehle ich Ihnen einen Abstecher ins Nachbardorf Yunotsu. Dort wird jeden Samstag auf einer Bühne im Innern eines Schreins yokagura, bzw. “Nacht-Kagura”, aufgeführt. Im Zuschauerraum geht es meist sehr eng zu, doch es ist richtig aufregend, den Wind im Gesicht zu spüren, den die Tänzer mit ihren aufwändigen Kostümen machen, wenn Sie auf der Bühne zur Musik herumwirbeln und -springen. Nach der Darbietung haben die Besucher Gelegenheit, einige der Kostüme anzuprobieren, und ich muss sagen – sie sind richtig schwer! Daran sieht man, wie viel Leidenschaft und Liebe die Kagura-Tänzer ihrer Kultur, Identität und Lebensweise entgegenbringen.   


https://sanin-japan.com/featured/iwami-kagura

Takyo Abeke


Wenn Sie eine Unterkunft suchen, möchte ich Ihnen das Takyo Abeke ans Herz legen. Abeke ist eine Herberge in einer sanierten und renovierten 230 Jahre alten Samurai-Residenz im Eigentum von Tomi Matsuba. Frau Matsuba lebte über 10 Jahre in dem Haus, das sie mit viel Aufwand und Liebe herrichtete und renovierte. Anstatt neue Materialien zu verwenden, griff sie dabei auf recycelte Baustoffe aus anderen alten Häusern der Gegend zurück.


Allabendlich gesellt sich Tomi-san zu ihren Gästen am Esstisch, um gemeinsam mit ihnen ein familiäres Mahl einzunehmen, für das der Reis in traditionellen japanischen, mit Holz befeuerten Öfen gegart wird. Mit dieser Herberge möchte Tomi-san ihren Gästen ihre Philosophie der innovativen Wiederbelebung des japanischen Lebensstil-Erbes nahebringen. Anstatt sich der traditionellen Lebensweise zu entledigen, sollten wir ihrer Meinung nach diesen Traditionen in unser modernes Leben integrieren, um auf diese Weise eine bessere Lebensqualität zu erreichen. Ich finde, diese Philosophie passt genau in die Konzepte der Dorfgemeinschaft von Omori. Wie das Ortsbild verrät, wird die besondere Lebensqualität in Omori nicht durch simples Modernisieren erreicht, sondern durch das Zusammenführen von Altem und Neuem. 

https://sanin-japan.com/featured/takyo-abeke-and-tadaima-katoke


Abschließende Hinweise


Ich hoffe, unser gemeinsamer Rundgang durch Omori hat Ihnen gefallen! 

Es ist nur ein kleines Dorf, aber reich an Lebensstil-Erbe, wodurch das Besuchserlebnis zu etwas Intimem und Besonderem wird. Und nicht nur das – Sie können auch in persönlichen Kontakt mit den Menschen treten, die die Lebensstile hier im Ort bewahren und erschaffen. Wenn Sie einmal nach Omori kommen sollten, würde ich mich freuen, Sie – diesmal in echt – herumführen zu dürfen! Bis dahin schreibe ich an weiteren Beiträgen und lade sie zusammen mit Fotos aus meinem Leben in Omori auf meine Webseite hoch, also schauen Sie doch einmal vorbei – ob virtuell oder real! 


(https://www.shunbar.com/)

Basic Information

Oda, Shimane

Hinkommen

ReiseprospekteTouristen-Informationszentrum

Unterkünfte

Finde deinen
Unterkunft mit

You may also like

Mitokusan 

Mitakien

Tottori-Dünen

ALLES SEHEN