In der Welt des sadō (Teezeremonie) hat jede Bewegung und jede Empfindung während des einfachen Aktes der Teezubereitung und des Teetrinkens eine Bedeutung. Ziel des sadō ist das Erlangen von Erleuchtung und Erkenntnis, was beim gewöhnlichen Teegenuss nicht möglich ist. Zwar gibt es auch eine entsprechende “Großstadtetikette”, doch daneben kennen die Japaner die Etikette des disziplinierten Übens (shugyō). In Japan gelten außerdem die Berge als Wohnsitze der Götter, weshalb man auf den Gipfeln vieler der berühmten Berge des Landes Tempel oder Schreine findet. Und so ist das Tragen von speziellen Strohsandalen, den waraji, bei einem Pilgergang hinauf zum Tempel Sanbutsuji nahe dem Gipfel des Mitoku als eine Art von Etikette anzusehen. Natürlich ist nichts dagegen einzuwenden, wenn Sie beim Aufstieg Ihre gewohnten Treckingschuhe tragen, doch den Akt der Bergbesteigung in einfachen Sandalen zu vollziehen, die eigens von Spezialisten der waraji-Herstellung angefertigt wurden, ist eine Erfahrung, die einem ein tieferes Verständnis von der einzigartigen japanischen Kultur der Etikette vermittelt.


Was ist japanische Etikette? 


Überall auf der Welt finden sich verschiedenste Beispiele dafür, was Menschen als Höflichkeit und gute Manieren erachten, ob beim Reden, beim Essen oder im Umgang miteinander. Darüberhinaus gibt es bestimmte Regeln der Etikette, die festlegen, wie die als höflich angesehenen Verhaltensweisen auszuführen sind. Und so kennt man natürlich auch in Japan einen ähnlichen Zusammenhang zwischen guten Manieren und Etikette. Daneben existiert aber auch eine eigenständige Auffassung von Etikette. Diese lässt sich beschreiben als die Geisteshaltung, die man bei der Ausführung verschiedener Handlungen einnehmen sollte. Indem man diese Geisteshaltung einnimmt, wird man in die Lage versetzt, Empfindungen mit anderen Menschen, der Natur und selbst den Göttern zu teilen. Vor diesem Hintergrund wollen wir uns nun wieder dem sadō zuwenden. Auch wenn in der Übersetzung der Begriff “Zeremonie” verwendet wird, handelt es sich keineswegs nur um eine einfache äußerliche Zeremonie. Der grobe Handlungsablauf ist das Kochen von Wasser, das Aufgießen eines Tees aus Teepulver und das Trinken des Tees mit den Gästen. Dieser Ablauf wird in viele kleine Segmente aufgebrochen, wobei jede Handlung eine Bedeutung erhält. Die Geisteshaltung, die man einnehmen soll, und die Empfindungen, die man wahrnehmen soll, sind alle festgelegt. Das Festhalten an diesen Vorschriften ist das, was wir sahō, die japanische Auffassung von Etikette, nennen. Ob beim haiku und kabuki, beim Judo oder Sumo – es ist nicht nur das Ergebnis, was zählt. Die Geisteshaltung, die man während der Tätigkeit, die zu dem Ergebnis führt, einnimmt, sei es ein Schriftstück, eine Aufführung oder ein sportlicher Sieg, macht diese spezielle Etikette aus, und ihr wird eine hohe Bedeutung beigemessen.  


Entsprechend findet man viele Arten von Etikette an religiosen Stätten wie Schreinen und Tempeln, mit sehr detaillierten Regeln für das Beten, einschließlich der Reinigung der Hände oder der Art des Niederbeugens. Je mehr man sich mit diesen Regeln befasst, und je mehr man erkennt, wie spezifisch sie ausgearbeitet sind, desto faszinierter sind gerade Japaninteressierte von diesem Aspekt japanischer Kultur. Schreinpriester und buddhistische Priester in der Ausbildung müssen in ihrem Alltag unzählige Regeln der Etikette befolgen. Diese Art der Etikette kann man bei einer zazen-Meditation oder buddhistischen vegetarischen Mahlzeiten erleben. 


Die Etikette der Bergbesteigung in Strohsandalen 


Sie sollten tatsächlich einmal versuchen, den Mitoku in waraji zu erklimmen. Dieser Berg ist ein Übungsort für esoterische buddhistische Priester, und der gesamte Berg ist ein Objekt der Verehrung – eine Gottheit. Das Ziel der Ausbildung an diesem Ort lautet rokkon seijō, die Läuterung der sechs Quellen der Wahrnehmung: Augen, Ohren, Nase, Zunge, Körper und Geist. In der westlichen Welt sind Berge Objekte der Angst, die erklommen werden, um diese Angst zu überwinden. In Japan hingegen sind Berge Objekte des Glaubens und der Verehrung, die man erklimmt, um die Gnade der Götter zu erlangen. Beim Besteigen des Mitoku in eigens zu diesem Zweck von Spezialisten hergestellten waraji anstatt in gewohnten Wanderschuhen kann man dieses Ziel des rokkon seijō erreichen 


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