Imperial Palace

The Beauty of
City-Building

Bei der Konstruktion der inneren und äußeren Burggräben der Burg Edo in Tokio, die noch heute geographische Merkmale der Stadt sind, machte man sich den Fluss Kanda zunutze, der schon vor der Errichtung der Burg durch Edo floss. Die Gräben dienten nicht nur der Verteidigung, sondern auch als Wasserwege, auf denen man alltägliche Transporte erledigte. Dies entspricht ganz dem japanischen Ideal der Bündelung mehrerer Funktionen in einem einzigen Design. Auch in Matsue wurden der Graben rings um die Burg und die umliegenden Bereiche unter Rückgriff auf einen bestehenden Fluss konstruiert, was zur Folge hatte, dass das Stadtbild aus jener Zeit noch heute vorherrscht und fester Bestandteil des dortigen Lebens ist.  


Die Ästhetik des Designs einer Stadt “made in Japan” 

Die Burg Matsue wurde in einem Zeitraum von fünf Jahren errichtet und im Jahr 1611 fertiggestellt, zur gleichen Zeit wie auch der umliegende Burggraben. In ganz Japan existieren nur noch 12 Burgtürme in ihrer ursprünglichen Form, und die Burg Matsue, die 2015 zum nationalen Kulturgut erklärt wurde, ist ein Mitglied dieser erlesenen Gruppe. Noch lange nach ihrer Fertigstellung wurden aus Respekt vor den Burgherren keine Gebäude errichtet, die die Burg in Matsue überragten. So kann man sich noch heute beim Blick über die Stadtlandschaft gut vorstellen, wie Matsue vor 100 Jahren aussah. Vor langer Zeit war das Stadtbild von Edo dem von Matsue sehr ähnlich, doch aufgrund der Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg und einer Stadtplanung, die den wirtschaftlichen Aspekt über alles andere stellte, ist heute nicht mehr viel von der einstigen Edo-Stadtansicht in Tokio übriggeblieben. Wer diese Art einer schönen Stadtanlage sehen möchte, muss daher nach Matsue fahren.  


Und doch ist Schönheit nicht das einzige Charakteristikum japanischer Burgstädte. Durch den Rückgriff auf natürliche Flussläufe für die Errichtung von Burggräben wurden viele Funktionen ermöglicht, darunter die Burgverteidigung, der Warentransport und die Hochwasserkontrolle. Diese Zusammenfassung mehrerer Funktionen im Design japanischer Burgstädte entspricht ganz dem Prinzip elektrischer und elektronischer Geräte im Japan heutiger Tage. Doch leider sind in keiner anderen ehemaligen japanischen Burgstadt die Burgkonstruktion und das Stadtbild so gut erhalten wie in Matsue.


Wenn Sie die Stadtansichten Matsues ausgiebig genießen möchten, kommen Sie um eine Fahrt mit dem Horikawa Sightseeing Boat kaum herum. Hierbei befahren Sie auf einem kleinen Schiff die Wasserwege der Burggräben, von wo sich einmalige Perspektiven der Burg und der umliegenden Stadt eröffnen. Auch die Schönheit des Waldes rings um die Burg und die Wildvögel, die den Burggraben aufsuchen, entgehen einem auf diese Weise nicht, und mit dem Wechsel der Jahreszeiten ergeben sich immer wieder neue Ansichten. Insgesamt muss das Schiff auf seiner Fahrt durch den Burggraben 17 Brücken passieren, wovon vier zu niedrig für das Bootsdach sind. Um dieses Problem zu lösen, wurden die Boote so konstruiert, dass man das Dach entsprechend absenken kann. Dabei fährt es so weit herunter, dass sich alle Passagiere bis tief auf den Boden hinabbeugen müssen. Dieses Gemeinschaftserlebnis hat Ähnlichkeit mit dem einer Forschergruppe, die durch eine niedrige Höhle kriechen muss. 


 Von der Burgturmspitze hat man einen überwältigenden Panoramablick über die gesamte Stadt. Auf welche Welt mögen die Burgherren einst geblickt haben? Die Antwort gibt die wohlgeordnete Anlage der Häuser, wie sie noch heute von der Spitze von Burg Matsue zu sehen ist. 


Matsue verdankt seine Schönheit Tokio   

Wussten Sie, dass Tokio während der Edo-Zeit auch als “Wasserstadt” zu Wohlstand gelangte? Nach der Errichtung des Shogunats in Edo ermöglichten die von Tokugawa Ieyasu entworfenen Wasserwege nicht nur die Beförderung von Menschen und Waren, sondern legten auch den Grundstein für eine neue Kultur. Noch heute zeigt Tokio seinen wahren Reiz an seinen Uferfronten. 

Der weltweite Ruhm der Stadt Venedig nahm seinen Ausgang in der Trockenlegung der Sümpfe als Teil ihrer urbanen Entwicklung. Auch Tokio hat, ähnlich wie Venedig, eine Geschichte als eine “Stadt des Wassers”. Vor rund 150 Jahren, als Japan von den letzten Tagen des Tokugawa-Shogunats in die Meiji-Ära eintrat, brachten ausländische Besucher Tokios ihr Erstaunen und ihre Bewunderung in Reisetagebüchern und Aufzeichnungen zum Ausdruck und gaben der Stadt den Namen “Wasserstadt des Orients”.  


Während der Edo-Zeit gelangten viele Waren aus dem ganzen Land über Seerouten nach Edo, von wo sie über das Wasserwegenetz Edos ins Binnenland weitergeleitet wurden. Edo nahm rings um diese Wasserwege, die die Stadt durchziehen, Gestalt an. Um 1800 betrug die Einwohnerzahl eine Million, womit es die damals bevölkerungsreichste Stadt weltweit und die Kapitale des ganzen Landes war. Nach dem Ende der Edo-Zeit blieb Tokio das Zentrum Japans, woran auch das Bombardement und die verheerende Zerstörung im Zweiten Weltkrieg nichts geändert haben. Warum? Weil die Städte, die sich durch den Handel und das verarbeitende Gewerbe entwickelten, sämtlich auf der Pazifik-Seite Japans liegen, von wo Tokio leicht zu erreichen ist. Wichtige Infrastrukturelemente wie der Shinkansen (Hochgeschwindigkeitszug) und Schnellstraßen wurden alle mit Tokio als Mittelpunkt angelegt.


Die Städte, die sich am Japanischen Meer auf der anderen Seite des Landes entwickelten, als allein der Handel mit China und anderen asiatischen Regionen von Bedeutung war, wurden während des wirtschaftlichen Aufschwungs der Pazifik-Seite förmlich abgehängt. Diese Regionen hatten dafür den Vorteil, ihre historischen Ortsbilder und japanische Kultur bewahren zu können. Die urbanen Zentren, die während dieser Zeit der raschen wirtschaftlichen Entwicklung heranwuchsen, sind heute von endlosen Hochhauszeilen dominiert und zeigen alle dasselbe Gesicht. Der Alltag und die Gewohnheiten der Menschen dort sind stark von westlichen Einflüssen geprägt, sodass viele Facetten der traditionellen japanischen Kultur verloren gehen. Hätte sich das Zentrum Japans auf der dem Japanischen Meer zugewandten Seite des Landes entwickelt, so wäre dasselbe mit Matsue passiert. Doch gerade weil Matsue nicht das enorme Wachstum anderer Landesteile vorweisen kann, hat es sich ein Stadtbild mit typisch japanischem Flair und eine vielgestaltige japanische Kultur erhalten. Vor 150 Jahren rühmten die ausländischen Besucher Edo als die “Wasserstadt des Orients”, heute jedoch ist es Matsue, dem dieser Titel gebührt.

Where isSAN’IN