Gäste, die Teil der Familie werden

Gäste, die Teil der Familie werden(Erfahrungsbericht eines Reiseführers)

Hallo!
Ich bin Koki, ein Tomodachi Guide – also “Tomodachi-Reiseführer” – in der Region San’in!

“Tomodachi” bedeutet übrigens “Freund”. 

Ich liebe es, Menschen aus anderen Ländern die Gegend zu zeigen, in der ich lebe, ganz so, als seien wir alte Freunde.
Heute möchte ich Ihnen davon berichten, wie ich im Herbst 2019 eine Familie aus Ägypten durch unsere Region führte.


Unser erstes Treffen war für 11 Uhr am Bahnhof von Matsue vereinbart. 

Dreißig Minuten vorher traf ich mich mit meiner Kollegin Kazue, denn mit zwei Reiseführern herrscht ein ausgewogeneres Verhältnis zwischen Führern und Gästen und somit eine lockerere Atmosphäre für ein entspanntes Besuchserlebnis! 


Kazue hatte extra einen traditionellen japanischen Kimono angezogen, in der Hoffnung, dass er unseren Gästen gefallen würde.


Ehrlich gesagt – egal, wie oft ich schon Gäste herumgeführt habe, vor dem ersten Treffen bin ich immer etwas nervös. 

Selbst wenn man vorher miteinander korrespondiert, weiß man doch erst, mit wem man es zu tun hat, wenn man sich gegenübersteht. 

Aber meine Besorgnis löste sich schnell in Luft auf. 

Khalaf und Eman waren ein sehr sympathisches Paar, und ihre kleine Tochter Zuzu war richtig süß.


Sie waren so nett, dass von Anfang an ein offener und ungezwungener Umgang zwischen uns herrschte.  

Nach der Begrüßung erläuterte ich ihnen das Tagesprogramm. 

Heute wollten wir einen Tagesausflug durch Matsue und nach Izumo unternehmen. 

Unsere Gäste meinten nur: “Du bist von hier, also richten wir uns ganz nach dir!”
Nachdem ich mich mit Kazue abgesprochen hatte, brachen wir also zu einer Tour an Orte auf, die Anziehungspunkte für die Einheimischen sind. 

Als Erstes ging es zur Burg Matsue.


In Japan gibt es rund 200 Burgen, die für Besucher geöffnet sind, doch nur 12 davon sind noch so erhalten wie zur Zeit ihrer Errichtung. 

Hierzu zählt auch die Burg Matsue, die vor über 400 Jahren erbaut wurde und außerdem die zweitgrößte Anlage unter den 12 erhaltenen Burgen ist.

Als Fremdenführer will man seinen Gästen natürlich immer tausend Dinge erzählen, doch wichtig ist, sich auf das zu konzentrieren, was für den Zuhörer interessant ist, daher sind wir stets bemüht, unsere Erläuterungen einfach, aber dennoch spannend zu gestalten.


Mit etwas Glück kann man sich auf der Burg Matsue mit einem Samurai zusammen fotografieren lassen! 

Ein gemeinsames Foto mit einem Samurai vor der Kulisse einer japanischen Burg sorgt immer wieder für Begeisterung bei unseren Gästen, denn es ist ein durch und durch japanisches Reiseerlebnis. 


Einzig Zuzu war sich nicht ganz sicher, was sie von der Sache halten sollte, und wie man auf dem Foto sieht, war ihr der komische fremde Mann nicht ganz geheuer. 


Nach etwa fünf Minuten Fußmarsch von der Burg gelangt man zum Jozan-Inari-Schrein. 

Der Fuchs gilt als göttlicher Bote der Gottheit Inari, weshalb viele Besucher hier kleine Fuchsfiguren als Opfergabe aufstellen. Sie verleihen dem Schrein zusätzlich einen besonderen Reiz. 

Es handelt sich um denselben Typ Schrein wie den Fushimi-Inari-Schrein in Kyoto, der ebenfalls dem Gott des geschäftlichen Erfolgs geweiht ist.


Gemäß den Verhaltensregeln japanischer Schreine nahmen wir eine symbolische Reinigung an einem Wasserbecken am Schreineingang vor. 

Dabei beschreiben wir diese Handlung nicht nur, sondern führen sie auch gleich zusammen mit unseren Gästen durch. Auf diese Weise können sie japanische Traditionen unproblematisch und unverkrampft nachvollziehen.   

Inzwischen hatte auch Zuzu ihre Scheu abgelegt und Kontakt zu uns geknüpft.


Nachdem wir einige Zeit mit der Besichtigung der Burg verbracht hatten, meldete sich bei allen der Hunger. 

Beim Blick auf die Uhr stellte ich fest, dass es tatsächlich schon Mittagszeit war. 

Also machten wir uns, Hand inHand mit Zuzu, zum Mittagessen auf.


Viele Dinge über unsere Gäste erfahren wir erst, wenn wir mit ihnen zusammenkommen, wie bestimmte Bedürfnisse oder Charakterzüge, daher sind wir immer bemüht, den Tag so flexibel zu gestalten, dass die Besucher das für sie beste Vorgehen wählen können. Das bedeutet, dass wir erst am Tag der Führung entscheiden, in welchem Restaurant wir essen oder welche Orte wir besuchen.  

Unsere heutigen Gäste aßen kein Schweinefleisch, und sie hatten ein kleines Kind dabei, daher entschieden wir uns für ein Restaurant in der Nähe der Burg, das hervorragende vegetarische Gerichte serviert. 

Zudem gibt es in dem Restaurant eine Hängeschaukel, also genau das Richtige für Zuzu.


Nachdem wir reichlich gegessen hatten, brachen wir zur nächsten Station unserer Tour auf.   

Unser Weg führte uns, im Anschluss an die Burg und den Schrein, zum Tempel!
Wir spazierten also zum Gakuenji-Tempel, der zu dieser Jahreszeit in spektakuläres Herbstlaub gehüllt ist, was unsere Gäste absolut überwältigend fanden!



Dabei war dieser Tempel ursprünglich gar kein Programmpunkt gewesen. 

Erst am Morgen vor der Ankunft unserer Gäste hatte Kazue den Tempel vorgeschlagen, denn sie meinte, zu dieser Jahreszeit wäre Gakuenji sicherlich ein herrlicher Anblick. So schmuggelte sich dieser Tempel also kurzfristig in unsere Programmplanung, denn, ehrlich gesagt, war ich noch nie dort gewesen. Das war mir etwas peinlich, doch als ich es unseren Gästen beichtete, lachten sie nur und meinten: “Na dann haben wir ja alle etwas davon!” 

 

Und so wuchs zwischen uns eine stärkere Beziehung als die zwischen Führern und Gästen – wir waren zusammen auf Tour. 

Das ist das Faszinierende an der Arbeit eines Tomodachi-Reiseführers!

 


Zuzu rief uns Erwachsene sogleich zur Ordnung: “Dies ist ein Tempel, also dürft ihr keinen Lärm machen!” Damit bewies sie, wie gut sie aufgepasst hatte, denn genau darauf hatten wir ja zuvor hingewiesen. 

 

Wenn ich eine Führung mache, widme ich mich allem dieselbe Aufmerksamkeit, nicht nur den Sehenswürdigkeiten, sondern auch beiläufigen Gesprächen und Geschehnissen unterwegs. 

Denn oft sind es gerade diese Dinge, an die sich der Besucher besonders gerne erinnert, wenn er an die Führung zurückdenkt.

 


Dann kamen wir an einem Essensstand vorbei, und unsere Gäste luden uns zu Kaffee und Süßspeisen ein. Das war nun wieder eines dieser besonderen Ereignisse, an die ich besonders gerne zurückdenke. 


Allmählich näherten wir uns der letzten Station unserer Tour, dem Hinomisaki-Leuchtturm. Dies ist der größte Leuchtturm Japans, von dessen Spitze man an klaren Tagen den Blick weit über das Japanische Meer schweifen lassen kann, doch da es bereits dämmerte, verzichteten wir aufs Treppensteigen und besichtigten das Bauwerk nur von unten. Auch von dort ist der Blick aufs Meer grandios, und der weiße Leuchtturm gegen das Blau des Himmels erwies sich als hochgradig fotogen. 


Das Erklimmen der Treppen ersetzten wir durch einen Spaziergang auf dem Küstenpfad, wo wir uns im Betrachten der untergehenden Sonne am Horizont verloren, während sich die Wellen dramatisch an den Felsen brachen.  

Unsere Gäste schienen selig und schossen ein Foto nach dem anderen. 

 


Unsere Tour neigte sich dem Ende zu. 

Wenn Sie bis hierher gelesen haben, werden Sie sicherlich bemerkt haben, dass ich auf den Fotos von dieser Tagesführung nicht erscheine. Das liegt daran, dass ich fürchterlich gerne fotografiere, sodass ich immer viele Fotos von meinen Begleitern habe, aber leider niemals welche von mir mit meinen Gästen zusammen. Heute aber hatte ich ein Stativ dabei.  

 

Für mich ist dies ein besonderes Foto, denn es wird mich immer an die lustigen Begebenheiten dieses Tages erinnern.

 


Auf dem Rückweg unterhielt sich unsere kleine Gruppe über das, was wir an diesem Tag erlebt hatten. Unsere Gäste meinten: “Es ist kaum zu glauben, dass wir uns erst seit heute kennen. Ihr zwei gehört ja eigentlich schon zur Familie.” Diese Feststellung berührte mich zutiefst. 

 

Schließlich leben wir in einer Zeit, in der man sich ohne Weiteres einfach nur mit einem Smartphone in der Hand auf Reisen machen kann, aber genau aus diesem Grund bin ich der Überzeugung, dass die Verbindungen, die wir als Menschen eingehen, das sind, was wirklich zählt. 

Und an keinem Tag war mir dies so sehr bewusst wie an dem heutigen.

 


Als wir Abschied nahmen, versprachen wir, uns im nächsten Frühjahr wieder zu treffen. Dann wollte die Familie erneut San’in besuchen und Zuzus vierten Geburtstag hier feiern. 

Ich freue mich schon jetzt auf das Wiedersehen mit meiner ganz besonderen Familie! 

 


Hier in San’in gibt es viele Tomodachi Guides wie Kazue und mich. 

Nachdem Sie meinen Bericht gelesen haben, möchte ich auch Sie einladen, uns auf einer Tour durch San’in zu begleiten und dabei unvergessliche Eindrücke zu sammeln! 

Vielen Dank für Ihr Interesse an meinen Ausführungen!

 

Für mehr Informationen über den Ort dieses Artikels besuchen Sie bitte die folgende URL:

https://sanin-japan.com/featured/izumo

https://ancient-japan-izumo.com/

Unterkünfte

Finde deinen
Unterkunft mit

You may also like

Die Abenteuer dreier Freunde in San’in

Gäste, die Teil der Familie werden

Wie aus Besuchern Freunde werden